Zusatztext
In Bad Nauheim führt Direktor Kleeberger sein Hotel Rastender Kranich seit Jahrzehnten als Refugium vor den Turbulenzen der Zeit. Die Ruhe droht gestört zu werden, als im Jahr 1920 im beschaulichen Kurort die Versammlung Deutscher Naturforscher mit über zweitausend Teilnehmenden ansteht. Die neue Relativitätstheorie hat die wissenschaftliche Gemeinde gespalten, und die beiden ärgsten Kontrahenten Albert Einstein und Philipp Lenard sind ausgerechnet im Rastenden Kranich einquartiert. Kleeberger wittert eine Chance: Wäre es nicht die beste Werbung für sein veraltetes Hotel, wenn er den Streit dort schlichten würde? Doch hinter fachlichen Differenzen lauern ungeahnte Abgründe, und der Tee, der im Rastenden Kranich einst Bismarck in den Schlaf wiegte, wird kaum ausreichen, um die Gemüter zu besänftigen. Zwischen Schlichtungsversuchen und dem Bemühen, es allen Gästen recht zu machen, entgleitet Kleeberger nach und nach die Kontrolle über sein Hotel. Mit Humor und erzählerischer Leichtigkeit lässt Daniel Mellem in einem ruheversprechenden Hotel Stammgäste und bedeutende Wissenschaftler aufeinanderprallen. Schnappen Sie sich ein Handtuch, und versuchen Sie, gemeinsam mit Einstein im Badehaus 3 zu entspannen!
Autorenportrait
Daniel Mellem wurde 1987 geboren. Er promovierte in Physik, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig seinem ersten Roman widmete. Für 'Die Erfindung des Countdowns' (2020) erhielt er den Retzhof-Preis für junge Literatur und den Hamburger Literaturforderpreis. Der Roman war zudem 'NDR Buch des Monats' und nominiert für den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals. Daniel Mellem lebt in Hamburg.
Klappentext
Relatives Chaos in der Beletage
Leseprobe
Die Ruhe ist gestört worden. Während ich auf meiner Bank am großen Teich im Kurpark sitze und kühler Herbstwind das Laub behutsam über die Wege treibt, komme ich nicht umhin, mir diese Verfehlung einzugestehen. Die Ruhe in unserem Hotel ist durch mich gestört worden, und diese Erkenntnis schmeckt bitter. Was mir bleibt, ist Zeugnis abzulegen und mich einer Revue der abgelaufenen Tage zu stellen - so will ich nach den Ursachen meiner Verfehlung fahnden und herausfinden, an welcher Stelle meines Weges ich die falsche Abzweigung nahm. Ich will mir nichts vormachen: Nur selten vermögen derlei Berichte all das ins rechte Licht zu rücken, was bis dahin im Dunkeln lag. Und doch darf ich mich der Hoffnung nicht verweigern, dass - gehe ich den Dingen auf richtig auf den Grund - sich womöglich verhindern lässt, dass die Ruhe noch einmal so unverzeihlich gestört wird, wie es eben durch mich geschah. SONNTAG, 19. SEPTEMBER 1920, AM NACHMITTAG Als Tag, an dem meine Sorge um die Ruhe ihren Anfang nahm, darf der 19. September des Jahres 1920 gelten, denn an diesem Tag ereilte den Rastenden Kranich ein äußerst seltenes Ereignis. Ein Ereignis, wie es sich seit den ältesten Tagen unseres Hotels nicht mehr zugetragen hatte, weiter zurückliegend als die Krönung Kaiser Wilhelms I. anno 1871, und dieses äußerst seltene Ereignis war namentlich eine Beschwerde . Am späten Nachmittag, es war ein Sonntag, hatte ein Herr Philipp Lenard unser Hotel betreten, ein Professor der Physik aus Heidelberg und, wie ich schon im Vorwege in Erfahrung zu bringen wusste, Leiter des größten physikalischen Instituts im Deutschen Reich sowie Träger des renommierten Nobelpreises. Eine äußerst verdienstvolle Person beehrte uns da also mit ihrem Aufenthalt, die ich, der ich am Nachmittag von einem Besuch bei einem befreundeten Winzer zurückkehrte, als Direktor des Rastenden Kranichs persönlich in Empfang zu nehmen entschied. Unser Portier, Herr Wegenthaler, hatte gerade die Anmeldung des Professors entgegengenommen, da trat ich zu den beiden hinzu und begrüßte unseren Neuankömmling. 'Mein lieber Herr Professor Lenard, ein herzliches Willkommen in unserer bescheidenen Unterkunft! Mein Name ist Kleeberger, ich bin der Direktor des Rastenden Kranichs. Ich hoffe, Ihre Anreise ist angenehm verlaufen?' 'Nein.' Die Laune von Professor Lenard schien in enge Grenzen gefasst, und so entschloss ich mich, ihn nicht unnötig in der Erinnerung an die offenkundig recht unbequeme Herfahrt gefangen zu halten. 'Wie schön, Sie dennoch unseren Gast nennen zu dürfen.' 'Danke', gab Professor Lenard zurück, nicht den Anschein erweckend, als wäre die persönliche Begrüßung durch den Hoteldirektor von irgendeiner Bedeutung für ihn. Seine Verschlossenheit mochte auch in der Müdigkeit nach der langen Anreise begründet liegen, denn seine Augen waren klein und sein Haar professoral zerzaust. Doch gerade dass Professor Lenard eine persönliche Begrüßung durch den Direktor offenbar gar nicht erwartete, machte sie umso notwendiger. Schließlich halte ich die Regel, man müsse einem Gast jeden Wunsch von den Augen ablesen, für verfehlt. Meines Erachtens darf es gar nicht erst dazu kommen, dass ein Gast einen Wunsch verspürt, den der Gastgeber nicht längst erfüllt hat. Es gilt, mögliche Wünsche nicht abzulesen , sondern sie vorauszusehen nur so vermögen die Sehnsüchte des Alltags in einem Hotel wie dem unsrigen endlich einmal zur Ruhe zu kommen, sodass sich an ihrer Stelle Zufriedenheit einfindet. Ich unterrichtete Professor Lenard über die Umgebung des Rastenden Kranichs, wies hinaus auf die Ludwigstraße, an die in direkter Nachbarschaft die berühmten Badehäuser von Bad Nauheim grenzen, und zeigte dem Professor sodann die Räumlichkeiten unseres Hotels, führte ihn durch den rückwärtig zum Vestibül liegenden Speisesaal und anschließend in den Wintergarten, der im Licht der Spätsommersonne erstrahlte. Bei dieser Gelegenheit schritten wir auch hinaus in den Innenhof, den wohl malerischsten Ort unseres Hotels mit dem mittelalterlich anmutenden, von Efeu umrankten Gemäuer und der breiten Terrasse, auf der einige unserer Gäste gerade in wohltuend leise Gespräche vertieft waren. Andere ruhten derweil auf Stühlen unter der alten Kastanie, die ihnen mit ihrem weiten Blätterdach Schatten spendete. Professor Lenards Bemerkungen fielen einsilbig aus, mal ließ er ein 'Schön' hören, mal ein 'Angenehm', gelegentlich ein 'Danke'. Er bedurfte ganz offensichtlich der Ruhe, und so ließ ich es bei der Führung bewenden und begleitete den Professor mitsamt dem Pagen, der den Koffer trug, in den ersten Stock zu seinem Zimmer - eine ebenfalls besondere Behandlung, damit der Professor nicht das Gefühl bekam, ich zöge mich, womöglich durch seine Einsilbigkeit gekränkt, frühzeitig aus unserer Unterhaltung zurück. Dem Besuch Professor Lenards lag ein besonderer Anlass zugrunde, namentlich das größte Ereignis, das unsere kleine Stadt - sie hatte bis dahin schon die Freude, drei Kaiserinnen für ihre Kur zu beherbergen - je erleben durfte, und das war die 86. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte. Nach den langen Jahren des Krieges schickten sich die verehrten Wissenschaftler erstmals wieder an, sich zwecks des persönlichen Austauschs für insgesamt sechs Tage zu treffen, und es ist nicht zu unterschätzen, was jener Entschluss der Gesellschaft für Bad Nauheim mit seinen etwa neuntausend Seelen bedeutete. Viele Naturforscher aus dem Deutschen Reich, Österreich und der Schweiz planten, uns mit ihrem Besuch zu beehren, etwa fünfhundert, wie es Anfang des Jahres geheißen hatte. Eine durchaus stattliche Zahl, die sich im späten Frühling noch auf über tausend zu erwartende Gäste verdoppelt hatte, ehe wenige Wochen vor Auftakt der Versammlung vermeldet wurde, es würden doch eher über zweitausendfünfhundert Wissenschaftler werden, die in Bad Nauheim Quartier beziehen wollten. Zweifellos erwartete unsere Stadt angesichts solcher akademischen Massen also das, was man gemeinhin eine Herkulesaufgabe zu nennen pflegt. Bei all der Ehre, die ein solch gewaltiges Ereignis bedeuten mochte, fürchteten die Kurdirektion und der Verkehrsausschuss nicht ohne Grund eine Überforderung der Kapazitäten unseres Kurorts und wussten sich nicht anders zu helfen als mit eindringlichen Appellen an uns Hoteliers und Pensionäre, in denen der Weltruf unseres Bades an das Gelingen der Versammlung geknüpft wurde. Für den Rastenden Kranich bedeutete es eine Selbstverständlichkeit, seine freien Betten unseren besonderen Gästen für die sechs Tage der Versammlung zur Verfügung zu stellen - unentgeltliche Übernachtungen sollten es sein, wie vom Verkehrsausschuss erbeten wurde, auch wenn das für unser Hotel eine nicht zu vernachlässigende wirtschaftliche Herausforderung bedeutete. Da sich am Ende genügend andere Gasthäuser ebenso berufen fühlten, konnte jene logistische Schwierigkeit gemeistert werden. Doch ich möchte für den Moment noch nicht zu viel der Worte über die Versammlung verlieren, schiebe ich damit doch nur auf, von dem unangenehmen Vorfall zu berichten, der im Rastenden Kranich gleich am ersten Tag der Versammlung Anlass für die erwähnte Beschwerde war. Bevor ich auf die Einzelheiten eingehe, ist es vermutlich angebracht zu erklären, was ich selbst unter einer Beschwerde verstehe, denn ich nenne nicht alles so, das andere vielleicht auf diese Weise bezeichnen. Kommt es in einem Hotel wie dem unsrigen vor - und ich spreche von dem folgenden Fall nur um des Beispiels willen, ereignet er sich im Rastenden Kranich doch ebenfalls äußerst selten -, kommt es nun also vor, dass ein Gast Meldung macht, sein Frühstückstee sei zu kalt, würde ich bei einem solchen Vorkommnis noch nicht von einer Beschwerde sprechen. Hierbei handelt es sich lediglich um eine Sorge , und zwar dergestalt, dass der Gast befürchtet, an diesem Morgen keinen wohltemperierten Tee genießen zu können. Eine Beschwerde mag ich den Vorfall deshalb nicht ...